Meine Schwester und ich standen im alten Haus meiner Eltern, als die Notarin mit einem Umschlag hereinkam. Sie sagte: „Ihr Erbe ist viel geringer als erwartet – aber da ist noch etwas, das wir…

Meine Schwester und ich standen im alten Haus meiner Eltern, als die Notarin mit einem Umschlag hereinkam. Sie sagte: „Ihr Erbe ist viel geringer als erwartet – aber da ist noch etwas, das wir...

Ich war noch etwa zwanzig Minuten vom Flughafen entfernt, als mein Telefon mit einer eingehenden Nachricht vibrierte. Es war Svenja, meine Schwester. Ihre Worte trafen mich wie ein Schlag: „Wir haben 15 000 € angezahlt, also müssen wir die hier schnell verkaufen, sonst verlieren wir die Anzahlung. “

Jochen, ihr Mann, hatte das Haus bereits bewertet.

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„Mindestens 800 000, vielleicht sogar 900 000 €“, hatte er gesagt. Ich selbst hatte mir die Unterlagen angesehen und schätzte den Wert viel niedriger ein. Als ich Svenja später traf, saß sie an ihrem Küchentisch, die Tasse Kaffee längst kalt. Ihre Augen waren rot gerändert.

„Meine vorläufige Schätzung liegt bei 250 000 €, maximal 300 000 – und das ist optimistisch“, sagte ich. Svenjas Gesicht wurde ganz lang. „250 000? Aber Jochen sagte 800 000.

„Jochen hat sich geirrt. Oder er hat dir etwas vorgemacht. “ Ich schob ihr die Berechnungen hinüber. „Sieh selbst.

Sie stand auf und presste den Rücken an die Ziegelwand, zitterte, als wäre es eisig kalt. „Selbst bei der niedrigen Bewertung würde die Wohnung 250 000 € kosten. Ich habe nur 20 000 € auf meinem Konto. “

Wir rechneten zusammen.

Privatkredit über ihr Gehalt – vielleicht 60 000 €. Ihre Mutter könnte helfen, aber die hatte nur ihre Rente und kleine Ersparnisse, kaum mehr als 25 000 €. Selbst wenn alles klappte, fehlten 150 000 €. „Das schaffen wir nie“, flüsterte Svenja.

In den folgenden Tagen versuchte sie, einen Kredit aufzunehmen. Der Bankberater sah auf den Bildschirm, tippte etwas ein und sagte: „Ihre Ausgaben sind hoch, Ihre Bonität ist bereits am Limit. Ich kann Ihnen nicht mehr als 20 000 € anbieten. “ Svenja nahm es an, sprach mit ihrer Mutter, die ihr 25 000 € gab.

Insgesamt hatte sie jetzt 115 000 €. Es fehlten immer noch 135 000. Dann erinnerte sie sich an Anska. Eine alte Freundin, ein kluger Kopf, die früher oft bei uns zu Hause war.

Sie rief sie an, traf sich mit ihr in einem Café. Anska hörte sich alles an, nippte an ihrem Cappuccino. „Ich kenne jemanden, der bereit ist, 230 000 € zu zahlen. Ohne groß zu verhandeln.

Svenjas Augen weiteten sich. „Wir hätten mit mindestens 250 000 gerechnet. “

„230 000 ist ein sehr vernünftiges Angebot, wenn man alle Risiken bedenkt“, sagte Anska. Am nächsten Tag standen sie im Wohnzimmer des alten Hauses, das verkauft werden sollte.

Anska blieb mitten im Raum stehen und sagte: „200 000, mehr gebe ich nicht. “

„Wir waren bei 230 000 geblieben“, warf ich ein. „Die Leitungen sind alt, die Kacheln kaputt. 220 000.

Jochen schluckte. „225 000. “

Anska nickte. „Abgemacht.

Ich war erleichtert, aber irgendetwas stimmte nicht. Anska wirkte zu entspannt, zu sicher. Als sie später ging, sah ich, wie sie mit einem Mann sprach, der draußen im Auto wartete. Er hatte eine Narbe an der Augenbraue.

Am Abend feierten wir den Verkauf. Svenja umarmte Jochen, lachte zum ersten Mal seit Wochen. „Wir haben es geschafft. “

Doch dann kam die Nachricht.

Ein Anruf von der Bank: „Wir sehen alles im System. Ihr Mann hat hinter Ihrem Rücken Kredite aufgenommen. “

Svenja wurde blass. „Was meinst du?

„Kredite über 70 000 €. Ihr Anteil beträgt 35 000 €. “

Ich sah zu Jochen. Er starrte auf den Boden, sagte kein Wort.

„Du hast hinter meinem Rücken Kredite über 70 000 € aufgenommen? “, fragte Svenja mit zitternder Stimme. Jochen hob den Kopf. „Wir planten die Renovierung, den Urlaub, all das.

Ich wollte dir nur eine Freude machen. “

„Eine Freude? Du hast uns in Schulden gestürzt! “

Am nächsten Tag gingen wir zur Notarin.

Sie blätterte in den Unterlagen und sagte: „Es sind genau 70 000 € Schulden. Ihr Anteil entspricht 35 000 €. “

Ich sah zu Svenja, die am Tisch saß, die Hände ineinander verschränkt. Ihr Gesicht war grau.

Sie hatte den Verkauf abgeschlossen, das Geld auf dem Konto – aber es reichte nicht einmal für die Schulden. „Ich brauche 35 000 €“, flüsterte sie mir später zu. Ich schüttelte den Kopf. „Mehr als 5 000 kann ich dir nicht geben.

Zwei Wochen später kam ein Brief von Anska. Sie lud uns zu sich ein – „aus alter Freundschaft, wir haben uns 20 Jahre nicht gesehen. “

Als wir bei ihr ankamen, stand dieselbe Narbe im Gesicht an der Tür. Anska begrüßte uns lächelnd, führte uns ins Wohnzimmer.

Es roch nach Kaffee und Zimt. „Ich weiß, dass ihr Probleme habt“, sagte sie und schob einen Umschlag über den Tisch. „Hier sind 135 000 €. “

Svenja erstarrte.

„Was? “

Anska lehnte sich zurück, verschränkte die Arme. „Ich habe gehört, dass du Schwierigkeiten hast. Und da wir uns so lange nicht gesehen haben, möchte ich dir helfen.

„Warum? “, fragte ich. „Das ist ein Vermögen. “

Anska lächelte.

„Weil wir Freunde sind. Und weil ich weiß, dass du es zurückzahlen wirst. “

Svenja zögerte, dann nahm sie den Umschlag. Ihre Hände zitterten.

„Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll. “

„Ganz einfach“, sagte Anska. „Ich möchte nur, dass du mir versprichst, ehrlich zu sein. Immer.

Am nächsten Morgen rief mich Svenja an. Ihre Stimme klang anders, hart. „Ich habe eine Überweisung von 135 000 € auf meinem Konto. Aber ich habe Angst, dass etwas nicht stimmt.

Warum sollte uns jemand so viel Geld geben? “

Ich wollte beruhigen, aber dann fiel mir ein, wie Anska mit diesem Mann gesprochen hatte, wie die Narbe aufblitzte im Abendlicht. „Ich habe ein komisches Gefühl“, sagte ich. Svenja schwieg einen Moment.

„Ich muss rausfinden, wer dieser Typ ist. Und warum er uns hilft. “

Bevor ich etwas sagen konnte, legte sie auf.

Das letzte, was ich hörte, war das Tippen auf ihrer Tastatur.