Mein Mann und ich hatten uns zusammen mit einem befreundeten Paar in einer Berghütte am Rand eines großen Naturparks einquartiert. Wir wollten eine Wildwasser-Rafting-Tour auf dem Fluss machen. Als wir gerade aufbrechen wollten, zog mich das kleine Mädchen, das in der Pension half, heimlich am Ärmel. Es war höchstens sechs oder sieben Jahre alt.

„Frau“, flüsterte es mit weit aufgerissenen Augen. „Wollen die sie ertränken? “ Ich war völlig verwirrt. „Wen?
“, fragte ich. Ich war sicher, ich hatte mich verhört. „Ich habe sie gehört“, beharrte sie mit zitternder Stimme. „Sie haben gesagt, sie können nicht schwimmen, und sie wollen sie ertränken.
“ Ich beugte mich zu ihr hinunter, um sie zu fragen, was sie damit meinte. Doch genau in diesem Moment kam mein Mann Tore herüber. Er lächelte und sagte, es sei Zeit aufzubrechen. Als sie ihn sah, verlor das Mädchen sofort seinen Mut.
Sie ließ den Kopf sinken und huschte zu ihren Eltern zurück. Die Fahrt zum Fluss war wunderschön. Eine sanfte Brise wehte durch die Bäume, die Berglandschaft war atemberaubend. Aber die Worte des Mädchens gingen mir nicht aus dem Kopf und erfüllten mich mit einer tiefen, beunruhigenden Angst.
Warum sollte ein Kind so etwas Schreckliches ohne jeden Grund sagen? Neben mir lachte und scherzte Tore mit unseren Freunden. Er wirkte so glücklich, so sorglos. Er drückte meine Hand und warnte mich, auf dem steinigen Pfad vorsichtig zu sein.
Unser Freund Jost, ein alter Studienkamerad von Tore, erzählte, dass dies echtes Rafting sei – das authentische Erlebnis. Er war schon einmal hier gewesen und versprach, es sei viel aufregender als jede künstliche Anlage. Seine Freundin Rieke war aufgeregt und machte Fotos von allem. Sie ließ mich versprechen, richtig tolle Bilder von ihr zu machen, sobald wir auf dem Wasser wären.
Wir vier waren eine perfekte Gruppe. Tore und ich steckten noch in der glückseligen Phase der Frischvermählten. Jost und Tore waren fast wie Brüder. Rieke hatte eine wunderbar ausgelassene Persönlichkeit, mit der ich mich sofort verstand.
Wir wurden auf der Stelle Freunde. Wir planten gemeinsam Ausflüge, immer nur wir vier. Ich hatte mich seit Wochen auf diese Tour gefreut. Am Flussufer angekommen, zogen wir uns um.
Das Wasser war kalt und rauschte laut. Wir halfen uns gegenseitig in die Schwimmwesten und setzten die Helme auf. Der Guide gab uns Anweisungen, wie wir uns bei Wellen verhalten sollten. Ich versuchte, mich auf seine Worte zu konzentrieren, aber meine Gedanken drifteten immer wieder zu dem Mädchen ab.
Was hatte es gemeint? Tore bemerkte, dass ich angespannt war. „Alles in Ordnung? “, fragte er.
„Ja, nur ein bisschen nervös“, log ich. Ich wollte ihn nicht beunruhigen, schließlich war unser gemeinsamer Traum, diese Tour zu machen. Wir stiegen in das Schlauchboot. Ich saß vorne, Tore hinter mir.
Jost und Rieke saßen in der Mitte, der Guide hinten. Wir stießen ab und das Wasser nahm uns schnell in die Strömung. Anfangs war es aufregend und schön. Die Wellen klatschten gegen das Boot, wir lachten und riefen.
Doch je weiter wir kamen, desto schneller wurde das Wasser. Plötzlich merkte ich, dass das Boot schwerer zu steuern war. Der Guide rief etwas, aber die Worte gingen im Rauschen unter. Dann kippte das Boot plötzlich.
Ich stürzte kopfüber ins kalte Wasser. Für einen Moment war ich unter Wasser, wirbelte umher und wusste nicht, wo oben war. Panik ergriff mich. Ich ruderte mit Armen und Beinen, aber die Strömung war stark.
Ich schoss an Felsen vorbei und spürte, wie mein Helm an einen Stein stieß. Ich versuchte, an die Oberfläche zu gelangen, doch das Wasser zog mich wieder hinunter. Dann packte mich eine Hand. Stark, griffig.
Es war Jost. Er zog mich hoch, hielt mich im Nacken und zerrte mich ans Ufer. Ich hustete und spuckte Wasser. Tore kam mir entgegen, seine Miene war besorgt.
„Gott sei Dank“, keuchte er. Rieke saß, bleich wie eine Leiche, auf einem Felsen und zitterte. Der Guide sammelte uns ein. Er sagte, die Strömung habe uns erwischt, das sei ungewöhnlich.
Aber wir waren vollzählig und unversehrt, bis auf ein paar Schrammen. Wir machten eine Pause am Ufer. Ich versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Tore schlang seine Arme um mich.
„Es ist vorbei“, sagte er. Aber irgendetwas stimmte nicht. Jost wirkte seltsam ruhig, fast als hätte er mit solchen Unfällen gerechnet. Er half dem Guide, das Boot zu reparieren, und scherzte dabei.
Ich schüttelte den Kopf über mich selbst. Vielleicht war es nur ein Unfall, wie er in rauem Wasser eben passieren kann. Doch dann fiel mein Blick auf Riekes Füße. Sie trug keine Schuhe.
„Rieke, wo sind deine Schuhe? “, fragte ich. Sie zuckte zusammen. „Äh, ich hatte sie ausgezogen, die waren unbequem“, murmelte sie.
Ich sah auf meine eigenen Schuhe – feste Schuhe mit gutem Profil. Plötzlich erinnerte ich mich an das Mädchen am Morgen: „Wollen die sie ertränken? “ Was, wenn ich das Mädchen falsch verstanden hatte? Was, wenn es nicht um eine Ertränkung ging, sondern um etwas anderes?
Ich versuchte, mir das Gespräch Satz für Satz in Erinnerung zu rufen. „Sie sagten sie können nicht schwimmen und sie wollen sie ertränken. “ Nein, es war klar. Sie hatte von Leuten gesprochen, die jemanden ertränken wollten.
Aber wer? Und warum sollte ein Flussunfall damit zu tun haben? Ich verdrängte den Gedanken. Es war ein Unfall, weiter nichts.
Am Abend saßen wir in der Hütte. Tore, Jost und Rieke lachten und tranken Bier. Ich saß still daneben und beobachtete sie. Jost legte seinen Arm um Rieke und erzählte, wie aufregend die Strömung gewesen sei.
„Das war kein normaler Strudel“, sagte der Guide später zu mir, als wir alleine waren. „Der Fluss war heute Morgen noch ruhig. Doch plötzlich hatte sich an einer Stelle ein Felsen gelöst, genau dort, wo ihr gekentert seid. “ Seine Worte ließen mich erstarren.
Ein gelöster Felsen? Das klang nicht nach Zufall. Aber wer hätte so etwas tun können? In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen.
Ich lag wach und starrte an die Decke. Tore schlief neben mir, bis auf ein leises Schnarchen. Am nächsten Morgen, als ich allein in der Küche stand, hörte ich eine vertraute Stimme. Es war Jost.
Er telefonierte. „Es hat fast funktioniert“, sagte er. „Aber sie hat überlebt. Der Felsen war nicht groß genug.
“ Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich presste mich gegen die Wand und lauschte. „Du musst es beim nächsten Mal besser machen. Ich will sie los.
“ Wer war „sie“? Ich war mir nicht sicher. Aber ein eisiges Gefühl kroch mir den Rücken hinauf. Als Jost auflegte und zurückkam, tat ich so, als würde ich Tee kochen.
Er lächelte mich an, als wäre nichts gewesen. „Hast du gut geschlafen? “, fragte er. „Ja, ganz gut“, log ich.
In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ich musste herausfinden, was hier wirklich vor sich ging. Die Angst, die ich am Morgen gespürt hatte, verwandelte sich in feste Entschlossenheit. Am Nachmittag wollten wir noch eine Wanderung machen.
Ich sagte Tore, ich hätte Kopfschmerzen und würde lieber in der Hütte bleiben. Er küsste mich auf die Stirn und ließ mich gehen. Ich wartete, bis ihre Schritte verklangen, und begann dann, Josts Sachen zu durchsuchen. In seiner Tasche fand ich einen Zettel.
Darauf stand eine Telefonnummer und der Name eines anderen Flusses, etwa drei Stunden entfernt. Auf der Rückseite stand: „Zweiter Versuch geplant. Ziel wie besprochen. “ Mein Magen zog sich zusammen.
Ich steckte den Zettel ein und ging hinaus. Der Bergwald lag still vor mir. Ich brauchte einen Plan. Ich wollte Tore informieren, aber ich wusste nicht, wie er reagieren würde.
War er in diese Sache verwickelt? Ich wollte es nicht glauben. Doch die Beweise sprachen ihre eigene Sprache. Am späten Abend, als alle schliefen, nahm ich mein Handy und fotografierte den Zettel.
Dann löschte ich die Original. Ich musste alles dokumentieren. Ich saß im Dunkeln auf der Veranda und blickte zu den Sternen. Das Rauschen des Flusses war in der Ferne zu hören.
Plötzlich hörte ich Schritte auf dem Kies. Eine kleine Gestalt kam näher. Es war das Mädchen aus der Pension. Es blieb vor mir stehen.
„Frau“, flüsterte es. „Ich habe sie wieder gehört. Sie haben gesagt, das nächste Mal müssen sie tiefer gehen. “ Mir stockte der Atem.
„Wer, mein Kind? “, fragte ich leise. Sie deutete auf unser Zimmer, wo Tore schlief. „Der Mann mit dem roten Haar.
“ Das war Jost. Jost hatte rotes Haar. „Was genau haben sie gesagt? “, drängte ich.
Das Mädchen ließ den Kopf hängen. „Sie haben gesagt: ‚Wenn ich sie nicht bald loswerde, mache ich es selbst. ‘“
Ich dankte ihr und schickte sie nach Hause. Ich konnte nicht schlafen.
Ich wusste, ich musste handeln. Doch was sollte ich tun? Ich hatte keine Beweise, nur die Worte eines Kindes und einen zerknitterten Zettel. Am nächsten Morgen, beim Frühstück, war Tore besonders liebevoll.
Er strich mir über den Arm. „Schatz, ich glaube, wir sollten noch eine Nacht bleiben. Jost sagt, der Fluss weiter oben ist noch aufregender. “ Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.
„Ich weiß nicht“, sagte ich vorsichtig. „Ich bin immer noch etwas ausgelaugt. “ Tore lachte. „Ach, das wird dir guttun.
Vertrau mir einfach. “
Ich lächelte schwach und nickte. Aber innerlich wusste ich: Ich war in großer Gefahr. Ich musste einen Weg finden, hier wegzukommen, ohne dass sie es merkten.
Und ich musste herausfinden, ob Tore Teil dieser Verschwörung war oder ob er nur naiv einem Freund vertraute. Das Mädchen hatte von zwei Männern gesprochen. Zwei Männern, die jemanden ertränken wollten. Und ich hatte nur ein Leben.
ICH hatte nur ein Leben. In dem Moment, als Tore den Teller nahm und zum Abwasch ging, wandte ich mich an die Haushälterin. „Können Sie mir ein Taxi rufen? “, flüsterte ich.
Sie sah mich verwirrt an. „Heute? Sie haben doch noch ihre Tour. “ Ich presste die Lippen zusammen.
„Bitte, es ist wichtig. Ich muss dringend weg. “ Sie nickte zögerlich. Ich hatte keine Zeit, alles zu erklären.
Ich konnte nur hoffen, dass ich nicht zu spät kam. Die Minuten wurden zu Stunden. Ich versteckte mein Handy in meinem BH, nahm meinen Rucksack und wartete in der Küche auf den Taxiruf. Aber als der Wagen kam, sah ich aus dem Fenster, wie Jost mit Tore auf dem Parkplatz sprach.
Jost deutete auf das Hotel. Tore schüttelte den Kopf. Dann drehten sich beide um und gingen zurück. Ich erstarrte.
Was war das eben gewesen? Sollte ich Tore warnen? Sollte ich fliehen? Oder sollte ich bleiben und ihre Spiel mitspielen, bis ich die Wahrheit kannte?
Die Sekunden tickten, und ich musste jetzt eine Entscheidung treffen. Ich schnappte mir meine Jacke. Dann bemerkte ich, dass mein Telefon keinen Empfang mehr hatte. Kein Netz.
In diesem Tal war das nicht ungewöhnlich. Aber es kam mir zu gelegen, um ein Zufall zu sein. Ich betete, dass das Taxi noch da war. Als ich aus der Tür trat, sah ich den Fahrer im Auto sitzen.
Ich rannte hin und sprang auf den Rücksitz. „Lass uns verschwinden“, keuchte ich. Der Fahrer nickte und ließ den Motor an. Aber in diesem Moment kam Jost um die Ecke.
Er sah mich, aber er lächelte nicht. Er hob die Hand wie zu einem Gruß und blieb dann einfach stehen. Ein Schauer lief mir über den Rücken.
Ich wusste: Das war noch nicht das Ende.


