Ein kalter Novembermorgen, eisiger Regen und ein Stau auf der Berliner Stadtautobahn. Svenja Bergmann saß in ihrem Golf und starrte ungeduldig auf die Uhr. Nur noch zwei Stunden bis zum Abflug, und sie war noch nicht einmal aus der Innenstadt raus. Eine langweilige Dienstreise nach München stand an.

Ihr Mann Jochen hatte sich nicht einmal zum Abschied aufgerappelt, nur ein muffiges „Gute Reise“ unter der Bettdecke. Zehn Jahre Ehe, und seine Gleichgültigkeit hatte sie längst schlucken gelernt. Dann vibrierte ihr Handy. Die Fluggesellschaft.
Der Flug war gestrichen – widrige Wetterbedingungen. Svenja fluchte leise und wendete. Zurück nach Hause, das war das Einfachste. Sie parkte, stieg die Treppen hoch, schob den Schlüssel ins Schloss.
Und erstarrte. Hinter der Tür lachte eine Frauenstimme. Jung, kokett, fremd. Svenja zögerte, ihre Hand zitterte.
Sie klingelte, obwohl sie den Schlüssel hatte. Die Tür öffnete sich, und eine blonde Frau Anfang zwanzig stand im Flur – in einem weinroten Bademantel. Svenjas Bademantel. Den hatte sie selbst gekauft.
„Sind Sie die Maklerin? “, fragte die Frau freundlich. „Ich wollte gerade Wasser aufsetzen. “
Svenja hätte schreien können.
Stattdessen hörte sie sich selbst mit fester Stimme sagen: „Ja, ich bin Maren. Ich sehe mir die Wohnung an. “
Sie spielte die Fremde in den eigenen vier Wänden. Lächelte, machte Notizen, stellte Fragen.
Die Frau, die sich als Annika vorstellte, plauderte munter drauflos: Jochen und sie wollten umziehen, größer, alles neu. Die Hochzeit steht im Frühling, die Anzahlung für eine Wohnung in Charlottenburg ist schon bezahlt. Anderthalb Jahre sind sie jetzt zusammen. Anderthalb Jahre.
Svenja rechnete nach, während sie durchs Schlafzimmer ging und fremde Klamotten im eigenen Schrank sah. Drei Zahnbürsten im Becher. „Bärchen, wann wurden die Zähler gewechselt? “, hörte sie Annika am Telefon fragen.
Svenja blieb ruhig. Fast unheimlich ruhig. Als sie schließlich in den Flur zurückkehrten, sagte sie mit mitleidigem Blick: „Hinter dem Haus soll ein Autobahnzubringer gebaut werden. Die Wohnung verliert mindestens vierzig Prozent an Wert.
Meine Schätzung? Maximal dreihunderttausend. “
Annikas Gesicht wurde lang. Svenja gab ihr eine Nummer, verabschiedete sich und ging.
Draußen, an der Hauswand, ließ sie sich fallen und zitterte am ganzen Körper. Aber in ihrem Kopf formte sich bereits ein Plan. Sie konnte nicht zurück in dieses Leben. Und sie würde nicht mit leeren Händen gehen.
Die Wohnung gehörte Jochen, das war klar. Bei der Scheidung würde sie nichts bekommen. Aber wenn Jochen die Wohnung sowieso verkaufen wollte, angeblich viel zu billig, dann würde sie sie eben selbst kaufen. Mit geliehenem Geld.
Ihre Mutter gab ihr die Ersparnisse. Sie nahm einen Kredit auf, beleihte das Auto, holte sich einen zweiten Kredit. Es reichte nicht. Da traf sie durch Zufall ihren Jugendfreund Ansgar im Supermarkt.
Zwanzig Jahre hatten sie sich nicht gesehen. Er hörte sich ihre Geschichte an, schwieg lange. Dann sagte er: „Ich leih dir das Geld. Und ich werde der Käufer sein.
“
Am nächsten Tag stand Ansgar mit Britta, der Schwester ihrer Freundin und echten Maklerin, vor der Tür. Jochen öffnete, in Jogginghose, und führte sie durch die Wohnung. Ansgar meckerte über die Rohre, über die Heizkörper, machte einen Preisabschlag von zweihundertdreißig auf zweihundertzwanzigtausend. Jochen presste die Zähne zusammen und unterschrieb.
Eine Woche später war die Wohnung im Grundbuch auf Ansgars Namen eingetragen. Als Jochen Svenja zur Scheidung in die Notarin-Praxis folgte, dachte er, er hätte alles geregelt. Bis die Notarin die Kredite aufzählte, die Svenja während der Ehe aufgenommen hatte: siebzigtausend Euro. Zur Hälfte gehört er dir, Jochen.
Sein Gesicht wurde rot. Er sprang auf, schrie. Svenja blieb sitzen, ruhig, mit einem kleinen Lächeln. „Unterschreib“, sagte sie.
„Je schneller wir fertig sind, desto schneller kannst du deine Hypothek regeln. “
Wochen später erfuhr Svenja: Jochen bekam keinen Kredit mehr. Zu hohe Schulden. Annika packte ihre Sachen und zog zu ihrer Mutter.
Die Anzahlung in Charlottenburg verfiel. Svenja zog in ihre alte Wohnung zurück. Neue Vorhänge, neues Bettzeug, ein Bild an der Wand, das Jochen nie gemocht hatte. Sie warf alles weg, was an ihn erinnerte.
Ansgar kam täglich vorbei, reparierte Kleinigkeiten, blieb zum Tee, dann zum Abendessen. Aus Freundschaft wurde etwas anderes, langsam und leise. An einem Abend stand Jochen im Hof und starrte zu ihren Fenstern hinauf. Er sah das Auto, sah sie, verstand alles.
Svenja trat in den Schatten zurück, aber es war zu spät. Er stand einfach da, mit hängenden Schultern, dann drehte er sich um und ging. Im April stand Ansgar mit Kaffee und frischen Brötchen vor ihrer Tür. Die Sonne schien, die Spatzen zwitscherten.
Svenja setzte sich ihm gegenüber und dachte: Ich bin glücklich. Zum ersten Mal seit Jahren. Er legte seine Hand auf ihre und sagte nichts. Ein ganz gewöhnlicher Samstagmorgen.
Zwei Menschen am Tisch. Der Anfang von etwas Neuem.


