Ich saß im Konferenzraum, als mein Chef mir die aktualisierte Kundenliste reichte. „In fünf Minuten”, sagte er, obwohl meine Finger zitterten und die Zahlen vor meinen Augen verschwammen. Ich…

Ich saß im Konferenzraum, als mein Chef mir die aktualisierte Kundenliste reichte. „In fünf Minuten", sagte er, obwohl meine Finger zitterten und die Zahlen vor meinen Augen verschwammen. Ich...

Die Luft im Konferenzraum wurde mit jeder Sekunde schwerer. Anegret Krüger saß am langen Eichentisch, ihr Tablet lag vor ihr, doch die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Direktor Burkart Kanz sprach weiter, seine Worte klangen wie aus weiter Ferne: „Die Lieferungen müssen bis zum 15. abgestimmt sein.

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Es wird keine Verschiebungen geben. ”

Sie presste sich gegen die Rückenlehne, ihr Herz raste, kalter Schweiß trat auf ihre Stirn. Die letzten zwei Wochen waren gnadenlos gewesen – Quartalsbericht, Verhandlungen, endlose Telefonate. Als Assistentin des Direktors war sie Belastung gewohnt.

Drei Jahre lang hatte sie Burkarts Bedürfnisse vorhergesehen, Prozesse koordiniert, seine Termine im Griff gehabt. Sie war unverzichtbar. Doch heute stimmte etwas nicht. „Anneegret, hören Sie mich?

” Seine Stimme drang wie durch Watte zu ihr. Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ja, natürlich. Es ist nur ein wenig heiß hier drin.

Ingeborg, die Personalchefin und Burkarts Schwester, legte den Stift beiseite. Ihr Gesicht blieb unbewegt. „Soll ich das Fenster öffnen? ”

„Nein, danke.

Ich gehe kurz hinaus. ”

Anegret erhob sich, ihre Beine gaben nach. Sie stützte sich auf der Stuhllehne ab und ging hinaus in den stillen Flur. An der Kühlwassertheke lehnte sie sich schwer an.

Die kühle Oberfläche half, aber nicht lange. Ihr Puls blieb rasend, ihr Atem flach. Burkart trat aus dem Raum, ein Blatt Papier in der Hand. „Ich brauche die aktualisierte Liste für das Kundenmeeting.

Sofort. ” Er reichte ihr das Dokument. Sie nahm es, aber die Zeilen verschwammen zu einem grauen Brei. „Ich bringe sie Ihnen in zehn Minuten.

„In fünf”, sagte er und drehte sich um. Sie schaffte es zurück an ihren Schreibtisch, ihre Finger zitterten. Sie öffnete die Datei, aber die Zahlen tanzten vor ihren Augen. Dann spürte sie einen stechenden Schmerz in der Brust.

Er breitete sich aus, in ihren linken Arm, in ihren Kiefer. Sie versuchte zu atmen, aber es ging nicht. Das Tablet glitt aus ihren Händen, der Stuhl kippte. Wolfram, ein Kollege aus der Buchhaltung, fand sie Minuten später.

Sie lag auf dem Boden, das Gesicht aschfahl, die Augen halb geschlossen. Er rief den Notarzt, während er ihre Hand hielt und immer wieder ihren Namen sagte. Im Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte einen schweren Herzinfarkt. Sie überlebte nur knapp.

Zwei Stents wurden gesetzt, ihr Zustand stabilisierte sich langsam. Die Ärztin, eine ruhige Frau mit grauem Haar, setzte sich an ihr Bett. „Frau Krüger, Sie müssen Ihre Lebensweise überdenken. Der Stress hat Sie fast umgebracht.

Anegret lag in dem sterilen Zimmer, die Augen auf die Decke gerichtet. Das Herz schlug noch, aber etwas anderes war gestorben. Sie dachte an die Jahre, die sie sich aufgerieben hatte, an die Nächte, die sie geopfert hatte, an Burkarts kalte Worte, an Ingeborgs unnahbares Gesicht. Drei Wochen später stand sie zum ersten Mal wieder auf.

Sie ging langsam durch den Flur ihrer Wohnung, setzte sich an den Küchentisch und öffnete ihren Laptop. Sie klickte auf die Bewerbungsunterlagen, die sie vor langer Zeit erstellt hatte, aber nie abgeschickt hatte. Am Montagmorgen, nach ihrer Rückkehr ins Büro, stand Burkart vor ihr. „Schön, dass Sie wieder da sind.

Wir haben viel aufzuholen. Das Projekt mit dem neuen Kunden beginnt nächste Woche. ”

Sie sah ihn an. Ihr Herz schlug ruhig, zum ersten Mal seit Monaten.

„Ich kündige, Herr Kanz. ”

Er lachte kurz. „Das ist der Stress. Sie brauchen noch Erholung.

„Ich habe gekündigt”, sagte sie. „Schriftlich. Ingeborg hat die Unterlagen bereits erhalten. ”

Sie stand auf, legte ihren Firmenausweis auf den Schreibtisch und ging hinaus.

Sie wusste nicht, was als Nächstes kommen würde, aber sie wusste, dass sie nie wieder zurückkehren würde.