Der Wind riss an ihrem Mantel, als Annegret die schwere Einkaufstüte gegen die Brust presste. Nasser Schnee kroch ihr in den Nacken. November. Sie schob sich durch die Tür des Wohnblocks und blieb keuchend im Flur stehen.

Der Aufzug war mal wieder kaputt. Seit zwanzig Jahren lebten sie in dieser Wohnung, und seit zwanzig Jahren war dieses Gerät ein einziger Witz. Mühsam stieg sie die Treppen hinauf, Stufe für Stufe, die Einkäufe bohrten sich in ihre Finger. Sie hatte alles besorgt für seinen Geburtstag: seine Lieblingssorte Marmelade, den frischen Kaffee, den schwarzen Anzug von der Reinigung.
Der Kühlschrank war voll, der Tisch gedeckt, die Kerzen warteten auf das Streichholz. Sie war bereit. „Meine Güte, bist du spät“, sagte Joachim, als sie endlich die Tür aufschloss. Er saß im Wohnzimmer, die Füße auf dem Couchtisch, und blätterte in irgendeiner Zeitschrift.
„Ich dachte, du freust dich über ein ruhiges Abendessen, nur wir zwei. Du weißt, morgen ist ein anstrengender Tag. “
Annegret stellte die Tasche ab. „Ich habe deine Lieblingsgerichte besorgt.
Und den Kuchen vom Bäcker. Mit deiner Lieblingscreme. “
„Das ist nett“, sagte er, ohne aufzusehen. „Aber sei nicht sauer, wenn ich morgen nicht viel esse.
Stress, du weißt schon. Vielleicht sollten wir das Feiern aufs Wochenende verschieben. “
Sie lächelte ihn an und schwieg. Zwanzig Jahre hatte sie gelernt, wenn etwas in seiner Stimme klang, dann war es besser, keine Fragen zu stellen.
Als er aufstand, um ins Bad zu gehen, fiel sein Jackett vom Stuhl. Sie hob es auf, um es aufzuhängen, die Jacke war noch warm. In der Innentasche knackte Papier. Da war eine Reservierungsbestätigung.
Restaurant, fünf Personen, für morgen Abend, auf ihren Namen und ihre Kreditkarte. Der Name des Gastgebers: Joachim Braun. Und dann die Einladung an seine gesamte Familie, zehn Nachrichten mit Grüßen und Vornamen. Zuletzt stand da: „Bitte bringt gute Laune mit, aber lasst mich nicht die Rechnung übernehmen.
Annegret hat mir das ganze Abendessen spendiert, haha. “
Annegret ließ die Jacke sinken. Ihre Finger zitterten, als sie das Datum noch einmal las: der 20. Ihr Geburtstag, dieser verdammte 20.
Ihr Name stand nirgendwo auf der Liste, nicht einmal in der Fußzeile. Fünf Plätze für seine Verwandten, ihre Karte, die sie jeden Monat mit ihrem eigenen Gehalt füllte. Sie sah ihre Schwiegermutter vor sich, die bei jedem Essen die Nasen rümpfte, über ihr Kochen, ihre Kleidung, ihre Figur, die sie wortlos missbilligte, weil sie keine Kinder hatte. Und Joachim, der nie etwas sagte.
„Lass sie doch, das ist ihre Art“, murmelte er, wenn sie es wagte, sich zu beschweren. Dreißig Jahre lang hatte Annegret für diese Familie gelebt. Zwanzig Jahre davon mit ihnen im selben Haus, jeden Samstag zu Besuch, jede Feiertagsverpflichtung selbst übernommen, die Geschenke für ihren verwöhnten Neffen Dennis ausgesucht, während niemand ihr je auch nur ein Netzes Wort gegönnt hatte. Sie dachte an all die Nächte, in denen er schnarchte, während sie wachlag und sich fragte, ob sie wirklich die Frau war, die er wollte, oder nur die Lösung, die er aushielt.
Sie dachte an die Jahre, in denen sie den Haushalt geschmissen und dazu gearbeitet hatte, während er ihr sagte, dass es „unser“ Geld sei, aber es nie erwähnte, wenn sie sich etwas Gönnen wollte. Und jetzt das. Sein Geburtstagsessen, auf seine Familie zugeschnitten, auf ihre Kosten, ohne sie. Annegret steckte das Papier in ihre Manteltasche und ging in die Küche.
Sie stellte den Kuchen auf die Arbeitsplatte und schnitt ihn in zwölf Stücke. Dann stellte sie das Geschirr vom Abend ab, wischte die Arbeitsfläche, bis sie glänzte, und ging ins Bad. Als sie zurückkam, saß Joachim wieder in der Fernsehzeitschrift. „Alles klar?
“, fragte er, ohne aufzusehen. „Du machst so ein komisches Gesicht. “
„Nichts“, sagte sie. Sie setzte sich ihm gegenüber und beobachtete, wie er die Seite umblätterte, wie er die Füße auf dem Couchtisch ablegte, wie er sich nicht einmal die Mühe machte, sie genauer anzusehen.
Zwanzig Jahre. Zwanzig Jahre lang hatte sie an diesem Mann gehangen, hatte gehofft, dass er sie eines Tages wirklich sehen würde, hatte sich eingeredet, dass seine Schweigsamkeit nur Schüchternheit sei, dass seine Distanz nur Stress war. Aber jetzt wusste sie es: Er hatte sie nie geliebt. Er hatte sie benutzt, als Putzfrau, als Geldgeberin, als bequeme Lösung.
Und als er sie nicht mehr brauchte, ließ er sie einfach fallen. Annegret goss sich ein Glas Wein ein und trank es in einem Zug. Dann ging sie ins Schlafzimmer und öffnete leise ihren Kleiderschrank. Sie begann, ihre Sachen zu sortieren, ohne Aufhebens, ohne Krach.
Am nächsten Vormittag stellte sie drei Taschen neben die Tür. Der Babysitter für ihren Neffen? Nein, den brauchte sie nicht. Aber sie brauchte ein Taxi, ein Überweisungsformular und einen Anruf bei einem Anwalt.
Joachim schaute sie verdutzt an, als er ihr das Bett machen sah, ohne sie zu wecken. „Was machst du? “, fragte er. „Ich gehe für ein paar Tage aufs Land“, sagte sie ruhig.
„Das Wetter ist schlecht, aber ich brauche Ruhe. “
„Jetzt? “ Er schüttelte den Kopf. „Am Anfang der Woche?
Wir haben den Geburtstag abgesagt, ich muss morgen zur Arbeit. “
„Ich fahre trotzdem. “
Er zuckte mit den Schultern und schloss eine Zeitzeichensendung an. „Wie du willst.
“
Der Anwalt war ein ehemaliger Kollege aus ihrer alten Firma, ein kühler, effizienter Mann, der ihr kurz zuhörte, die Reservierungsbestätigung sah und nickte. „Das ist ein klarer Fall von Verschwendung des ehelichen Vermögens“, sagte er. „Sie haben Anspruch auf das halbe gemeinsame Vermögen, mindestens. Und Sie haben recht auf Unterhalt, wenn Sie nicht mehr arbeiten können.
“
„Er hat mir gesagt, er hätte seit Jahren kein eigenes Konto. “, sagte Annegret. „Ich habe das ganze Geld verdient, als er sich weigerte, in den Betrieb einzusteigen, weil es ,unter seiner Würde‘ war. Und er hat es ausgegeben, für teure Klamotten, für Golf, für sein Hobby, das er immer ,Projektmanagement‘ nannte, aber nie etwas davon zeigte.
“
Der Anwalt machte Notizen. „Das reicht. “, sagte er trocken. Drei Wochen später war die Anhörung angesetzt.
Annegret saß ruhig am Tisch, als Joachim mit rotem Kopf eintraf, begleitet von seiner Schwester, die sie seit zwanzig Jahren für eine armselige, kinderlose Frau gehalten hatte. „Du hast mich ruiniert“, zischte er an ihrer Stelle. „Das ganze Essen für meine Familie, und du nennst das ,Missbrauch von Geldern‘? “
„Ich habe nur den Betrag erwähnt“, sagte Annegret leise.
„Und die Reservierung auf meine Karte. “
„Du bist eine eiskalte Hexe. “
Der Richterin blätterte in den Unterlagen. „Frau Braun, Sie waren die Haupternährerin der Familie?
“, fragte sie. „Ich habe zwanzig Jahre lang gearbeitet, während mein Mann sich weigerte, einen festen Job anzunehmen. Er hat immer gesagt, er ,audi auf Lücken‘. Ich habe nie ein Wort darüber gesagt.
Ich dachte, wir würden gemeinsam das Alter erreichen. “
Joachim lachte scharf. „Du dachst, du bist die Einzige, die etwas beiträgt. “
„Ich habe nie Anspruch auf dein Geld erhoben“, antwortete Annegret.
„Aber ich habe auch für dieses Haus bezahlt, für deine Autos, für deine Abende mit deinen Freunden. Und ich habe nie gesagt, du wärst nur ein Anhängsel. “
„Es reicht“, sagte die Richterin. „Ich empfehle beiden Parteien, sich zu vergleichen.
“
Am Ende einigten sie sich. Annegret bekam das halbe Haus, das Geld, das auf ihrem Konto lag, und das Recht, ihre eigenen Sachen mitzunehmen. Sie zog aus in eine kleine Wohnung, nahm es sich selbst nicht übel, dass die Wohnung nicht groß war, nur sie und ihre Taschen und das leise Gefühl, endlich Luft zu bekommen. Joachim rief noch einmal an.
„Komm zurück“, sagte er mit jener Stimme, die sie zwanzig Jahre lang benutzt hatte, wenn er etwas von ihr wollte. „Ich habe mich geirrt. Ich brauche dich. “
„Du hast mich immer gebraucht“, sagte Annegret.
„Nur nie geliebt. “
Das Telefon blieb still danach. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren schlief sie allein in einem Bett, das ihr gehörte, und aus dem Fenster sah sie keinen November, sondern klaren Himmel, der auch Regen verhieß. Aber sie lächelte, als sie die Kaffeetasse in der eigenen Küche abstellte, die nach frischem Kaffee roch, nach nichts und nach allem.
Die Anhörung am 20. war der erste Tag, an dem sie nicht mehr wartete. Sie war einfach frei.


